Wie erzählt man eine Story, ohne aufgesetzt zu wirken, und zieht die Zuschauer in den Bann?
Hallo zusammen! Ich frage mich schon seit einer Weile, wie ich bei einem Kunststück eine Geschichte erzählen kann, ohne dabei schauspielerisch zu übertreiben oder die Stimme zu verstellen – und zwar so, dass der Vortrag die Zuschauer richtig fesselt?
Ich habe eine eigene Story entwickelt und dafür einen Trick von Julio abgewandelt – die klassische Geschichte vom Wirt und den vier Königen, Assen, Damen und Jokern. Das Problem ist: Wenn ich den Vortrag übe, fühlt es sich einfach nicht glaubwürdig an, aber ich will es natürlich auch nicht total monoton runterleiern. Habt ihr eine Idee, wie ich das in den Griff bekomme?
Viele Grüße!
Hallo Mariana,
Nach all dem, was dir die Kollegen bereits geraten haben, möchte ich auch noch kurz meinen Senf dazugeben.
Ich unterrichte an der Universität und betreue unter anderem Abschlussarbeiten. Um meine Studenten auf die Verteidigung vorzubereiten, sage ich ihnen immer, sie sollen sich aufnehmen, um sich selbst von außen zu hören. Wir hören uns selbst von innen durch die Knochenschallübertragung, was sich leicht von der Aufnahme unterscheidet – aber genau so hört dich der Rest der Welt.
Wenn du dich von außen hörst, wirst du genau merken, was du rüberbringst. Du kannst später sogar ein Video von dir machen, um die gesamte Struktur, den Trick und die Präsentation in ihrer Gesamtheit zu sehen.
Genial! Richtig gute Idee, Carlos! Vielen Dank! 😁
Hallo Mariana,
Es wäre interessant, wenn du das Kunststück mitsamt dem Vortrag teilen würdest.
Ohnehin gilt: Wenn du selbst das Gefühl hast, dass es unnatürlich wirkt, kann es auch auf das Publikum nicht glaubwürdig wirken.
Es gibt tausend Arten von Zauberkünstlern. Einige lieben es, lyrische Vorträge zu halten (wie Lavand, Dámaso usw.), viele andere aber überhaupt nicht. Das ist etwas völlig Individuelles, und es gibt keine festen Regeln.
Ich persönlich versuche immer, Dinge zu erzählen, an die ich selbst glaube, von denen ich Ahnung habe und die mir Spaß machen. Man muss spüren, dass ich weiß, wovon ich rede, dass es ein Teil von mir und einfach echt ist. Nur so kannst du das Publikum wirklich packen. Juan Tamariz erzählt zum Beispiel, dass er früher immer einen Gag darüber gemacht hat, dass er ohne Brille blind sei. Als er dann am Grauen Star operiert wurde und auch ohne Brille wieder gut sehen konnte, hat er diesen Gag weggelassen – weil es einfach nicht mehr wahr war.
Auch Ricardo Sánchez erwähnt, dass er es liebt, wenn nach der Show Zuschauer auf ihn zukommen, um mit ihm über ein Thema zu sprechen, das er angesprochen hat. Das zeigt schließlich, dass man echtes Interesse geweckt hat.
In meiner Version der „Magischen 9“ spreche ich zum Beispiel über Sekten und hole ein ziemlich cooles Buch zu dem Thema heraus. Das ist ein Thema, das mich fasziniert und über das ich viel gelesen habe – und das spürt man einfach, wenn ich erzähle. Als ich den Effekt entwickelt habe (der auf einer Version basiert, die mir Luis Olmedo gezeigt hat), war ich anfangs versucht, LaVeys Satanische Bibel zu verwenden, weil das Publikum die eher kennt. Ich habe mich dann aber für ein Buch über „The Process“ entschieden, eine ziemlich krasse Sekte aus San Francisco. Obwohl sie weniger bekannt ist, fiel es mir viel leichter, das dem Publikum als absolut düstere Sekte zu „verkaufen“ als LaVeys Kirche, weil ich eben weiß, dass die wirklich viel heftiger drauf waren. Du verstehst, was ich meine? Das Spannende ist: Nach dem Kunststück bitten mich die Leute oft darum, das Buch mal anschauen zu dürfen. Die Botschaft kommt also an.
Das ist die klassische Eisberg-Theorie: Wenn man merkt, dass du viel mehr über das Thema weißt, als du eigentlich erzählst, erzeugt das enorme Neugier.
Zusammenfassend drei Gedanken:
Präsentiere so, wie du dich wohlfühlst (das kann sich im Laufe der Zeit und je nach Kunststück natürlich auch ändern).
Erzähle von Dingen, die du kennst, mit denen du dich identifizieren kannst und die dich faszinieren (nur so transportierst du dieses Interesse und diese Empathie).
Bleib bei der Wahrheit – oder so nah an der Wahrheit, wie es nur geht. Auch das spürt das Publikum.
Ich empfehle dir „Der magische Regenbogen“ von Juan Tamariz (besonders das Kapitel über die sieben Schleier, in dem er unter anderem über Wahrheit und echtes Wissen bei der Vermittlung spricht – abgesehen von den Kapiteln, die sich ausschließlich dem Vortrag widmen) und „Antes de la trampa“ von Ricardo Sánchez, in dem es ebenfalls komplett um den Vortrag geht.
Zu guter Letzt – und ich halte das für extrem wichtig: Es wird Kunststücke geben, die du absolut liebst, wenn du sie siehst, die aber aus irgendeinem Grund überhaupt nicht zu deiner Persönlichkeit passen. Das macht nichts. Das sind dann eben Effekte zum Anschauen, aber nicht zum Vorführen. Wir müssen nach Kunststücken suchen, die sich für uns richtig anfühlen, sie selbst kreieren oder bestehende so modifizieren, dass sie wie angegossen sitzen – und das schließt das innere wie das äußere Leben des Kunststücks mit ein.
Vielen Dank, Willy! Super Ideen, so hatte ich das noch gar nicht gesehen! Ich werde mir die Bücher, die du erwähnst, mal genauer anschauen :slight_smile:
Beste Grüße!
Hallo!
Ich glaube, es ist wichtig, sich daran zu gewöhnen, die Dinge frei zu erzählen, anstatt einfach nur das Skript herunterzubeten.
Sobald man seinen Vortrag parat hat, geht es eigentlich nur noch darum, ihn den Zuschauern so zu vermitteln, als gäbe es keine vierte Wand.
Ich empfehle immer, das Proben des Skripts ganz entspannt anzugehen und im Kopf ein bisschen umzudenken. Das, was wir tun, ist schließlich weniger ein starres Skript als vielmehr eine Unterhaltung, bei der wir ganz genau wissen, was wir sagen.
Danke an Willy, dass er meine Arbeit erwähnt hat!
Vielen Dank, Ricardo! Das hilft mir echt weiter!
Herzlich willkommen in dieser Community, Ricardo! Schön, von dir hier zu lesen. Wir hoffen sehr, dass du zumindest einen kleinen Teil deines magischen Wissens mit uns teilst (soweit es geht 😉).
Hallo Mariana, um ehrlich zu sein, frage ich mich das selbst auch oft. Was ich durch meine eigenen Recherchen und Ausprobieren herausgefunden habe, ist, dass die Story unbedingt zu deiner Persönlichkeit oder deiner Kunstfigur passen muss. Ich weiß nicht, ob du Dani Daortiz kennst – er ist ein extrem bekannter Spitzenmagier, den man sich absolut nicht bei einem ruhigen Kunststück oder in Zeitlupe vorstellen kann. Natürlich könnte er das machen, aber es passt einfach nicht zu seinem Charakter.
Darüber hinaus ist es wichtig, dass das Ganze in sich stimmig ist. Es gibt zwar absolute Profi-Zauberer, die sehr verwirrende oder etwas seltsame Geschichten erzählen, aber am besten fängst du erst mal mit einfachen, schlüssigen Präsentationen an. Der Effekt des Unmöglichen stellt sich dann ganz von selbst ein.
Ich empfehle dir auch, dich selbst zu fragen, ob dich die Story wirklich packt und begeistert. Wenn das nicht der Fall ist, wird es schwer, andere dafür zu interessieren. Aber wenn du es schaffst, selbst dafür zu brennen, wird sich diese Emotion übertragen und du wirst jeden in deinen Bann ziehen.
Ich hoffe, ich konnte dir helfen!
Vielen Dank, Paul! Wenn ich so darüber nachdenke: Jedes Mal, wenn ich versucht habe, einen Trick vorzuführen, habe ich nicht die gewünschte Reaktion bekommen. Ich glaube, man hat mir einfach angemerkt, wie nervös ich war. Vielleicht konnte ich deshalb auch das, was ich eigentlich wollte, nicht richtig rüberbringen.
Deine Antwort hat mir echt super geholfen!
Liebe Grüße!
Hallo,
Meiner Meinung nach muss eine Story, um wirklich zu funktionieren, eine narrative Kohärenz besitzen – das heißt, alle Aspekte der Geschichte müssen in sich schlüssig sein. Wie bei einer guten Erzählung darf es keine losen Enden geben, um den Zuschauer sauber zu führen, sodass alles vollkommen natürlich wirkt.
In vielen Fällen hilft eine starke Realitätsnähe enorm dabei, Geschichten so zu vermitteln, dass sie wie direkt aus dem Leben gegriffen wirken.
Vielen Dank für deine Antwort, Dani!
Hallo Mariana.
Auch wenn die Story bei einem Trick eine schauspielerische Leistung ist, musst du keine Schauspielerin sein, wenn du sie erzählst.
Übe einfach, die Story jemandem zu erzählen, ohne den Trick vorzuführen – erzähle einfach nur die Geschichte. Genauso, wie wenn du erzählst, was du am Wochenende gemacht hast, oder jemandem von einem Film vorschwärmst, den du super fandest. Achte mal darauf, wie du dich ganz natürlich unterhältst, und mach es genauso. Lass dich vom Trick beanspruchen, nicht von der Story.
Ich glaube, du hängst die schauspielerische Darstellung deines Vortrags zu hoch auf, deshalb machst du dir zu viele Gedanken über deine Stimmlage oder deine Gestik (die du selbst als unglaubwürdig empfindest). Feile lieber an deinen Techniken und mach dir um den Rest keinen Kopf. Bleib einfach locker und hab Spaß dabei!
Liebe Grüße und viel Erfolg
Viel Erfolg
Vielen Dank Mario, deine Antwort hilft mir sehr weiter! Beste Grüße!